Sie #4
Ich saß hier. Den Topf auf der Flamme. Und wartete. Sie kam nicht. Die Dunsttropfen rannen die Fenster hinunter. Die Kerzen zischten. Manchmal. Alles war fertig. Doch sie kam nicht. Der Wein war zwar billig, aber kein Grund. Ich rief sie an. Sie ging nicht ans Telefon. Es zerfraß mich. Die Angst, wieder zu versagen, wieder abgewiesen zu werden. Ich dachte es geht nicht mehr.
Was IST der Mensch?
Wer bin ich eigentlich? Lisa? Oder nur ein Körper der sich den Namen Lisa attribuiert. Bin ich die, die ich bin, oder bin ich die die ich zu sein versuche? Bin ich ich, bin ich wie ich sein will, bin ich es nicht?
Ist der Mensch ein Organismus? Eine Ansammlung von Zellstoffen. Diese eine Sammlung von Zellen. Die aus Atomen bestehen. Aus Atomen, so wie Steine? Sind Menschen also Steine. Sind Menschen Wasser? Sind Menschen Planeten? Nein, da fällt die Definition zu weit aus. Menschen sind Mehrzeller. Lebewesen, bestehend aus vielen Zellen. Eigentlich Tiere. Oder nicht?
Was ist der Mensch, und warum nicht Tier? Bin ich beides. Mensch und Tier? Tier und Mensch? Halb Wolf, halb Mensch? Manchmal Wolf, manchmal Mensch? Oder bilde ich mir das alles nur ein?
Was kann ich, was ander Spezien nicht können, was macht mich zum Menschen?
Es sind die Gefühle. Denn: kein Tier kann traurig sein. Ein Tier denkt auch nicht darüber nach ob es sterben wird oder nicht. Der Mensch kann fühlen. Das ist der Unterschied. Das klingt nach wenig. Ist es auch. Aber dafür ist es alles.
…kein anderes Lebewesen kann den Freitod wählen. Nicht mal Lemminge können das. Es ist dem Menschen überlassen an seiner Existenz zu zweifeln. Das ist auch verständlich. Es handelt sich um einen Fehler im Menschen. Er ist so schlau, um zu bemerken dass er existiert. Denn dies verlangt enorme Intelligenz. Eine Intelligenz die der Mensch sich in der Evolution angeeignet hat, die ihn zur heutigen Zeit zur so gewaltvollen und grausam kalt handelnen Spezies macht. Genau diese enorme Intelligenz ist zu klein. Er ist nicht intelligent genug. Er ist nicht intelligent genug, seine Existenz zu verstehen. Denn zwischen realisieren und verstehen ist ein grosser Unterschied. Der zu oft verachtet wird. Deshalb kann der Mensch an sich zweifeln. Denn…
… kein anderes Lebewesen kann Angst haben. Natürlich gibt es bei allen Tieren Instinkte die sie dazu veranlassen Vorsicht zu nehmen, doch kein Tier hat so bewusst Angst wie der Mensch. Viele Menschen hängen sich in ihrer Angst an etwas. An einen Menschen, eine Sache, eine Religion. Sich selbst. Andere probieren ihre Angst zu bekämpfen. Sie werden es nicht schaffen. Sie unterdrücken ihre Angst. Dazu gibt es Mittel. Alkohol. Andere berauschende Stoffe. Wer sich nicht an irgendetwas festhält würde wahrscheinlich an seiner Einsamkeit erfrieren. Was ist denn los Kind – keine Zukunftsvision mehr? Hat unsere Jugend keine Rebellion mehr? Nein. Es war schon immer so. Bloss man sah es nicht.
…kein anderes Lebewesen besitzt eine Kunst! Eine weitere Droge ist die Kunst. Sie ist vielschichtig. Bilder. Musik. Litteratur. Sprache. Bewegungen. Formen. Kunst ist Kommunikation. Er kann sich anderen mitteilen. Er kann von anderen Mitteilungen erhalten. Er kann seine persönlichen Gefühle in der Kunst ausdrücken, wiederfinden, reproduzieren. Dies muss er tun. Man kann nicht leben ohne zu kommunizieren. Man kommuniziert ständig. Und selbst wenn man einen Menschen nicht beachtet, kommuniziert man mit ihm.
…kein anderes Lebewesen kann logisch Entscheiden. Das typische Entscheidungsmerkmal beim Tier ist das fight-or-flight Syndrom. Kämpfen oder laufen. Dieses ermöglicht ihm in Bruchteilen von Sekunden entscheidungen zu treffen. Schon einmal fast von einem Auto angefahren worden und dann doch wieder in Höchstgeschwindigkeit eien Rückzieher gemacht? DAS ist Fight-Or-Flight par excellence. Aber der Mensch kann teils die Konsequenzen schon vorher abschätzen. Er kann überlegen und mit dem Kopf handeln, nicht nur mit dem Instinkt. Wobei er immer wieder mit selbigem interferiert, in Konflikt gerät. Er kauft etwas, brauch es aber gar nicht. Er erschreckt, hat aber gar keinen Grund.
Doch, wenn man mal nur diese drei Punkte beachtet, sagen sie nicht alle drei genau das selbe aus? Oder weisen sie nicht zumindest auf den selben, am Anfang angesprochenen Punkt hin? Dass der Mensch fühlen kann. Ein Tier, dass zu intelligent ist um sorgenfrei zu Leben aber zu dumm sich zu akzeptieren. Er ist damit perfekt unperfekt. Unperfekter geht es gar nicht. Er ist paradox in sich. Er geht gegen seine eigene Spezies vor, weiss es, und macht weiter.
Doch ist nun die Frage gelöst? Nein. Sie kann nicht gelöst werden. Das ist ganz einfach. Das Problem ist, dass hier gerade ein Mensch seine Feder über das Papier streifen lässt. Ein Mensch der seine Existenz nicht erfassen kann kann sich nicht beschreiben. Es vermag einer höheren Macht um den Menschen zu beschreiben. Das wird immer so sein. Der Mensch ist doch zu hoch für sich selbst. Wie Fermats Letzter Satz. Eine Gleichung die sich nicht selbst beweisen kann.
Sie #2
Heute war Indy-Abend in der Garage. Eigentlich eine Scheissveranstaltung. Aber da ein Ramones-Special war schleppte ich mich mit Tobi und Claudio doch in die Bleichstrasse. Claudio meinte, ich solle wegen meiner Lungenentzündung im Bett bleiben, er sagte von “was verschleppen”. Aber ich hatte so ein Gefühl.
In der Garage angekommen, war es ziemlich leer. Von dem ganzen Tee den ich tagsüber trank, musste ich aufs Klo. Als ich rauskam, stand sie da: Julia. Sie fiel mir um den Hals. Sie hätte sich Sorgen gemacht, weil ich auf einmal kaum mehr antwortete, damals, in der Disco. Sie hat sich Sorgen gemacht, irgendwie freute ich mich. Nein. Ich war glücklich. Ich stellte sie Tobi und Claudio vor. Danach gingen wir zum Döner am Parkhaus, was essen. Dann wieder in meine WG. Und sie zu sich. Ich hab ihre Nummer.
Sie
Es war auf dieser Dachterasse an diesem furchtbaren Ort, hier irgendwo in Saarbrücken. Ich war betrunken. So sehr betrunken. Ich kam mir so verloren vor, ich wusste nicht wohin oder zu wem. Ich begegnete einem Mädel, das ich noch nie sah: Julia. Sie, mit langen Haaren, dünner Brille, Männerhemd und Cordhose. Ich kannte sie nicht, und ich spreche unbekannte Mädchen nicht an. Ich war betrunken, mir war es egal. Ich tat es.
Sie lächelte mich an, sprach mich auf mein Ramones T-Shirt an. Sie liebte die Ramones. Volltreffer. Wir sangen und tranken, die ganze Nacht. Ich war selten so glücklich. Irgendwann brach ich zusammen. Ich weiss nicht warum, war ich so verschossen, so betrunken oder lag es an dem Fakt, dass meine Lungenentzündung noch immer nicht auskuriert war? Wach wurde ich bei Claudio, er brachte mich zu ihm. Julia hatte er nicht gesehen.
1
A start. A take-off.
A new dawn. A new life. A new era. A new chance.
This is it. This is more than we need. This is plenty. This is curtainwall.